Knutschkugel Alvarez

Der Mann zeigt dem Kind das Draussen. Das Kind mag das Draussen am liebsten von drinnen, weshalb wir stark davon ausgehen, dass das Kind Barkeeper oder Programmierer wird.

„Und da ist Olivia, der Olivenbaum. Und da ist ein Hund.“ Ich stutze. Ein Hund war mir bisher auf unserem Hof nie aufgefallen. Und er wäre mir aufgefallen, da ich gerne einen Hund hätte. Tatsächlich sitzt da neben der Garage ein junger mittelgroßer rötlicher Hund. Als ich nach draussen gehe, läuft er in den Garten.

Ich versuche den jungen Rüden zu mir zu locken, was aber erstmal zu einer Flucht in den Nachbargarten führt. Anscheinend bin ich aber interessant genug, nach mehreren skeptischen Blicken durch die Hecke hüpft er wieder in unseren Garten. Dem Hund sagt das kniehohe Gras zu, das der Mann in weiser Voraussicht einige Wochen nicht gemäht hat. Mir weniger, durch meine schnell übergezogenen Gummilatschen werden meine Füsse nass und vom hocken bekomme ich nicht nur Knie, sondern auch nasse Beine.

Männer können dich Multi-Tasking

Während der Mann drinnen gleichzeitig ein Fläschchen verabreicht und mit der Tierrettung telefoniert, versuche ich draussen Freundschaft zu knüpfen. Der Hund hat kein Halsband um, ist also kaum zu packen, deshalb setze ich auf Neugierde. Tatsächlich hüpft er einmal kurz auf mich zu, als ich ein Stück Brot anbiete, der Hunger ist aber wohl nicht groß genug. Eine Zeitlang versuche ich es mit Befehlen. Ulkigerweise reagiert er auf „Sitz“, „Platz“ und „Bleib“, allerdings nur, solange ich nicht näher als einen Meter komme.

Die Polizei – auch bei entlaufenen Hunden Freund und Helfer

Der Hund hat ein lauschiges Plätzchen zwischen Brombeeren und Brennnesseln gefunden, der Mann telefoniert derweil mit der Polizei, an die ihn die Tierrettung verwiesen hat. Uns ist das peinlich, die haben schliesslich anderes zu tun. Der Mann in der Einsatzzentrale versichert uns, dass das schon ok ist und hat sogar eine zum Hund passende Vermisstenmeldung.

Ich unterhalte mich weiter mit dem Hund, erzähle ihm vom Apfelschorf auf dem Apfelbaum und davon, dass ich eigentlich krank bin und nach dieser Aktion vermutlich noch kränker. Der Hund hört interessiert zu.Die Polizei fragt an, ob wir den Hund ins Tierheim bringen könnten, wir lehnen wegen mangelndem sportlichem Ehrgeiz und vorhandenem Säugling ab. Ich schlage vor, dass der eventuelle Besitzer kommt – wäre es mein Hund, würde ich auch auf Verdacht kommen. Die Polizei stellt dem Mann die Besitzerin durch und er gibt eine Wegbeschreibung zu uns.

Frauchen kommt

Ich erzähle dem Hund, dass da gleich jemand für ihn kommt und hoffe, dass der jemand nett ist. Nicht, dass der Hund einen Grund hatte, wegzulaufen. Ob die Frau, die in unserem Garten auftaucht, nett ist, kann ich erst nicht beurteilen. Sie redet aber schon von weitem auf den Hund ein, sagt was von Leckerchen, Klickertraining und dass sie ihn so gesucht hat. Ich würde hingehen, wenn ich ihr Hund wäre. Und tatsächlich dauert es nur kurz, da springt der Hund quer durch den Garten und rennt sein kniendes Frauchen um, springt über sie, immer wieder. Ich lege schnell die mitgebrachte Leine an und noch ein (ebenfalls mitgebrachtes) Geschirr hinterher.

Nach einer Stunde hat Knutschkugel Alvarez keine Chance mehr, meiner Knuddelei zu entgehen.

„Knutschkugel“ steht auf dem Geschirr, sein Frauchen erklärt, dass er erst vor kurzem aus Portugal gekommen ist. „`Knutschkugel Alvarez“´ also, stellt der Mann fest. Knutschkugel Alvarez hat sich  aus ebendem Geschirr, das ich ihm eben angelegt habe, befreit, als sein Frauchen zwei Teile im Supermarkt gekauft hat. Sie hat ihn mitgenommen, weil er immer weint, wenn er alleine zuhause bleiben muss. Im Laufe der letzten drei Stunden hat er zweimal eine stark befahrene Straße gekreuzt, bis er die letzte Stunde mit mir im Garten geplauscht hat.

Zufrieden sitzen der Mann und ich mit dem schlafenden Kind später auf dem Sofa. „Noch zwei Stunden und ich hätte die Knutschkugel gehabt“, murmel ich in meinen Erkältungstee. „Dann wärst Du morgen zwar an einer Lungenentzündung aber mit einem Freund mehr gestorben“, antwortet der Mann.

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2 Comments

  1. Ein Herz für Tiere. Wer weiß wieviel stark befahrene Straßen der arme noch überquert hätte ohne den Smalltalk mit Dir im Garten. Und ob er das überlebt hätte …

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