Freud, Hysterie und Vibratoren – Matinee zu Rusalka im Aalto

Sonntag um 11 im Aalto. Jeder über 50 wird genauestens registriert, die meisten der Gäste haben die Renteneintrittsgrenze schon weit hinter sich gelassen. Die alten Hasen reihen sich bereits vor der Tür zum Zuschauerraum auf – eine halbe Stunde vor Beginn der Matinee zu Antonín Dvořáks Oper Rusalka.

Nach einer musikalischen Einstimmung von Lindsay Ammann (Jezibaba), erläutert Chefdramaturg Alexander Meier-Dörzenbach den Kontext, in dem die Inszenierung steht. Ob Arielle, Andersens Meerjungfrau oder das Starbucks Logo – das Fabelwesen scheint weit verbreitet. Meier-Dörzenbach erzählt außerdem vom Jahr 1900, in dem Rusalka geschrieben wurde, von Freuds Traumdeutung, der „Frauenkrankheit“ Hysterie und ausführlich über die Erfindung des Vibratoren. Die Zuhörer und -innen sind begeistert und freuen sich noch mehr, als eine Szene aus dem Film „In guten Händen“ gezeigt wird.

An die Einführung schliesst sich eine kleine Talkshow an, die Dramaturgin Janina Zell moderiert. Lotte de Beer hat Rusalka in Essen inszeniert und erzählt, wie einfach es fiel, das Stück in das Jahr 1900 und damit die Zeit von Freud einzugliedern. Ihre Idee war es, während der Overtüre eine Szene zu zeigen, in der eine junge Frau von ihren Eltern in ein Sanatorium gebracht wird – dort soll sie mit Wasserkuren von ihrer Hysterie geheilt werden. Die Personen begegnen den Zuschauern im späteren Stück wieder: In der Badewanne wird die Tochter zu Rusalka, der Vater zum Wassermann und die Mutter zur Hexe Jezibaba. Auch im Bühnenbild wird Freud zitiert, neben seinem Schreibtisch kommt auch sein Behandlungssofa zum Einsatz.

Die Darstellerin der Hexe Jezibaba, die Sopranistin Lindsay Ammann, freute sich besonders, eine vielschichtige Jezibaba geben zu können. Sie sieht die Mutter/Hexen-Rolle so, dass sie nicht verbittert ist, aber eben schon so viel erlebt hat, dass sie ihrer Tochter vorhersagen kann, dass ihre Wünsche nicht gut ausgehen werden.

Besonders Lust auf Rusalka hat Ladislav Elgr gemacht, der den Prinzen gibt. Nicht nur sein vorgetragenes Stück machte Gänsehaut, sondern vor allem die Begeisterung, mit der der gebürtige Tscheche für die – seiner Meinung nach äußerst gelungene – Inszenierung warb.

Die Matinee bietet eine gute Gelegenheit, die Inszenierung des Stückes begreifen zu können – aber auch, die Menschen hinter der Inszenierung ein wenig mehr kennenlernen zu können. Außerdem kann man durch die mit Flügelbegleitung vorgetragenen Musikstücke entscheiden, ob diese Oper überhaupt etwas für einen ist. Wer die Matinee besucht, sollte jedoch eines vorher getan haben: Sich mindestens über den Inhalt informiert haben. Denn auch wenn Lotte de Beer möchte, dass ihre Inszenierungen auch verstanden werden, wenn die Besucher den Inhalt nicht kennen, funktioniert das bei der Einführung nicht. (Ich empfehle Konrad Beikirchers Opernführer in zwei Bänden*, der alles wichtige enthält und noch Spass macht.)

Vor Premieren veranstaltet das Aalto-Theater Einführungsveranstaltungen, bei denen Regieteam, Ensemblemitglieder und Gäste die neue Produktion vorstellen, Einblicke in ihre Arbeit gewähren und so Brücken vom Konzept- zum Bühnenraum schlagen. Der Besuch der Matinee ist kostenlos.

 

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