Berzona

Im Tessiner Valle Onzernone liegt Berzona. Ein kleiner Ort, den man garantiert verpasst, wenn man auf der „Hauptstraße“ bleibt. In Berzona lebten im Jahr 1800 gut 300 Menschen, 1900 die Hälfte davon, 1950 waren es noch 80 und im Jahr 2000 knapp 50.

gedenktafel max frisch

Ab Anfang des 19. Jahrhunderts zog es die Schweizer, insbesondere aus strukturschwachen Gegenden wie dem Tessin, über den großen Teich nach Nord- und Südamerika. Oft geschah dies aus Angst vor Überbevölkerung. Teilweise wurde die Auswanderung von der Schweiz unterstützt. Der Kanton Bern beispielsweise sah in der Auswanderung ein gelungenes Mittel, sich der armen Bevölkerung zu erledigen und machte nicht nur Propaganda, sondern finanzierte auch Überfahrten. Die Behörden fanden es günstiger, Kranke, Greise und Sträflinge die Fahrkarte zu kaufen, als sie durchfüttern zu müssen. Zwischen 1820 und 1860 waren insgesamt bereits rund 37.700 Schweizer ausgewandert, bis 1870 folgten nochmals rund 23.300, und bis 1880 28.300.

Nach dem zweiten Weltkrieg gab es einen Zustrom von Deutschschweizern ins Tessin. 1964 zog der Schriftsteller Max Frisch nach Berzona und blieb dort bis zu seinem Tod 1991:

„Es ist der Ort, den ich am besten kenne, wo ich mich am ehesten zu Hause fühle, der mir am meisten vertraut ist. Auch wenn er nicht so bequem ist.“

onserone tal

Schon vor ihm zogen Alfred und Gisela Andersch nach Berzona, die auch auf dem kleinen Ortsfriedhof begraben sind. Golo Mann hatte ein Ferienhaus in Berzona.

baum

Wenn man so durch den Ort wandert, dann kann man nicht nur verstehen, was sie nach Berzona zog, sondern würde am liebsten direkt auch dort bleiben.

steinhaus

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San Defendente

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Bevor die Aussteiger kamen, lebten die Menschen des Onseronetals von der Strohindustrie. Der auf den Hängen über dem Fluss Isorno angebaute Roggen diente auch als Rohstoff für die Korbflechter. Hüte, Taschen oder Sitzflächen für Stühle wurden als Broterwerb produziert. Ein Stück Geschichte holt der Verein „Pagliarte“ zurück, dessen Laden im alten Rathaus von Berzona beheimatet ist.

Pagliarte

Dort gibt es neben Hüten und Taschen auch Produkte für die Neuzeit: Ipad-Hüllen aus Stroh zum Beispiel.

dach

eidechsen

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Ich suche mir jetzt wie die Eidechsen einen warmen Stein und schaue, ob ich die ein oder andere Stelle von Berzona in Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“ wiederfinde.

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