Der gute Geist von Oberpleis

Der Tag begann vielversprechend. Nach einem ausgiebigen Frühstück steckte ich mithilfe eines Funkens und eines Nagellackentfernertuches den Mülleimer in Brand. Nachdem dieser von mir eigenhändig gelöscht war (Der Mann stand ja nur daneben und bedauerte, gerade keine Kamera zu haben.), ging es pünktlich los. Nach nur einer halben Stunde befand sich sämtliches verfügbares Werkzeug im Auto „für den Fall“. Für den Fall hatte ich auch nach dem gerade eine Woche vorher ausgefüllten AvD-Mitgliedantrag gegriffen.

Herrlichstes Wetter, Auto offen, freie Strecke. Nach 120 km teilte mir der Mann mit, dass er nicht mehr aus dem vierten Gang komme. Schnellstmöglicher Stop auf einer Raststätte wurde beschlossen und umgesetzt. Auf der Raststätte telefonierte der Mann mit seinem Schrauber, der aber auch nichts wusste. Der von mir mit beherztem Sprung vor die Seitenscheibe angehaltene und herbeizitierte ADAC-Fahrer („Is datt en 356?“ „Nee, 911S.“ „Isch komm.“) diagnostizierte sofort Getriebeschaden. Der Mann rief den AvD-Abschleppwagen. Ich holte Eis. Der Mann unterhielt sich mit einem neben uns parkenden russischen Belgier auf französisch. Ich strickte. Der russische Belgier hatte einen Getriebeschaden. Ich ging auf Toilette.

Der Abschleppwagen kam. Herr G. diagnostiziert Getriebeschaden. Beim belgischen Wagen diagnostiziert er Getriebeschaden. Ausserdem hätte er am linken Rad nur drei Radmuttern und würde Öl verlieren. Der Mann übersetzt. Ich sah es als Training für unseren anstehenden Urlaub, man sollte Vokabeln wie „Getriebeschaden“, „Radmutter“ etc. in jeder Sprache beherrschen. Während der Wagen auf den Schlepper gezogen wird, fotografiere ich, nicht ohne vorher von einem Schweizer erzählt bekommen zu haben, dass ihm sein Wagen gerade in Amsterdamm verreckt sei. Motorschaden.

Herr G. fuhr mit uns zu seiner Werkstatt, um uns an Herrn S. zu übergeben. Auf dem Weg dahin Anruf von Frau Müller, die zwei Forellen für Herrn G. hatte. Er schickt datt Anna und hätte uns zwei mitgegeben, weil er am Tag vorher selber sechs gefangen hat. Aber es wäre zu warm. Zwischenzeitlich klärt er mich darüber auf, dass einer meiner Vorfahren ein Raubritter gewesen sei, der in allen Dörfern Frauen geschwängert hätte „Hier hees in jedem Dorf eener Klein.“ Ob der Mann was am Auge hätte. Sein Hund hätte so Spass, den Kopf aus dem Auto zu halten, aber der hätte dann auch immer so Augen. Der Mann hat Heuschnupfen. Trotzdem bewundert er aus rotgeränderten Augen die rheinische Riviera.

Herr S. übernimmt uns. Auf dem Weg nach Hause erfahren wir alles. 32 Jahre, mit 13 Jahren hart und kaputt gearbeitet. Gelernter KFZ-Mechaniker, 12 Jahre Rettungsdienst freiwillige Feuerwehr, acht Jahre ADAC, jetzt Mediengestalter. Selbstständig. Gerade, als ich anmerken will, dass die Geschäfte ja anscheinend hervorragend laufen, wenn er noch Schlepper fahren muss, schimpft er über die, die so mit Frontpage „un so“ die Preise kaputt machen. Er nimmt 250 Euro für eine Website, das wäre ein vernünftiger Preis und das wäre auch gut so. Der Mann hat plötzlich auch sehr starken Husten.

Geschichten von der Autobahn könnte er uns erzählen, die würden wir nicht glauben. Als er zum Besten gibt, wie er mit 80 auf einen Motorradfahrer aufgefahren ist „Moped im Motorblock, sechs Reifen plattjebremst, aber der Typ hat sich am Kühlerfänger festjehalten“, sind wir auch davon überzeugt. 55 Euro und einen Punkt. Weil der Motorradfahrer kein Licht anhatte.

Wir drehen Filme für das Goldhochzeitspaar, zu denen wir eigentlich unterwegs waren, unterrichten diverse Verwandte und reservieren einen Tisch für abends.

Der Taxifahrer, der uns vom Getriebeschaden-Auto zum Erstauto bringt, fragt nach Kubik und Leistung. Nachdem er gefragt hat, ob der Wagen nur geliehen wäre. Heutzutage würde man ja schon mit viel weniger Kubik eine solche Leistung erreichen. Und weniger verbrauchen würden die Autos auch. Fehlte nur noch, dass er uns die Abwrackprämie ans Herz legt.

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