Der Rest vom Ruhrgebiet: Essen-Rüttenscheid

Der Mann wohnt seit elf Jahren in Rüttenscheid. Also bin ich, als ich aus Berlin zu ihm gezogen bin, auch in Rüttenscheid gelandet.

Prenzlauer Berg Essens

Rüttenscheid, das ist so ein bisschen (wie Nessy auch schon schrieb) das Prenzlauer Berg Essens. (Relativ) junge Familien mit Kindern und gehobenem Einkommen, durchmischt von Studenten. Wobei das so auch nicht stimmt. Wir nehmen immer regen Anteil am Tagesgeschehen der „Flodders“, die ihre Finanzen durch Flaschensammelaktionen im großen Stil aufbessern. Gern gesehen auch die „Rockers“, deren Hund so groß wie mein Auto, deren Auto dafür so groß wie das Haus meiner Eltern ist. Das sind aber eher die Ausnahmen.

Keine Parkplätze und gegen Anwohnerparken

In Rüttenscheid gibt es nie Parkplätze. Zumindest nicht nach 18 Uhr. Deshalb sollte ein Anwohnerparkausweis eingeführt werden, gegen den aber Menschen, die vermutlich in Steele wohnen, mobil machen. Weil dann nur noch die reichen Rüttenscheider da parken könnten. Dass die Autos, die hier parken, kaum ein Essener Kennzeichen haben, sondern aus dem Hochsauerlandkreis, Bottrop und sonstwoher kommen, scheint niemand zu bemerken. Ich würde gerne fürs Anwohnerparken zahlen.

Sehen und gesehen werden

Flaniermeile von Rüttenscheid ist die „Rü“, die Rüttenscheider Straße. Da gibt es Cafes, Restaurants, Kneipen, Geschäfte, alles fein aufgereit. Welche zu empfehlen sind, kann man hier oder hier nachlesen. Vermutlich waren nur wenige der Flaneure jemals in der denkmalgeschützten und wirklich sehr überschaubaren Siechenkapelle, die auch auf der Rüttenscheider Straße steht. Die wurde im 15. Jahrhundert zum Siechenhaus gebaut, in dem vor den Toren der Stadt Leprakranke versorgt wurden. Lepra in Rüttenscheid. Man stelle sich vor.

Rüttenscheid dreht auf

Rüttenscheid feiert. Die jährliche Tour de Rü, bei der Menschen mitfahren, die ihr Werkzeug im Louis Vuitton-Täschchen transportieren. Oder die Gourmetmeile „Rü Genuss pur“. Das Rü-Fest. Die Rüttenscheider Musiknacht. Und die Dukes of Downtown. Es gibt immer was zu feiern.

Sehr gute Nahversorgung

Über mangelnde Versorgung kann man sich in Rüttenscheid wirklich nicht beklagen. Neben den ganzen Geschäften auf der Rü wird demnächst am Rüttenscheider Stern ein riesiger Edeka mit Hannapel-Bistro eröffnet. Mittwochs und Samstags ist Markt am Rüttenscheider Stern, zu dem extra Menschen aus anderen Stadtteilen kommen. Es gibt gleich zwei Kaffeeröstereien in Rüttenscheid (Rubens und Sweet Coffee Pirates) und einen Fernsehkoch (Nelson Müller). Mehrere Weinläden, von denen ich den Weinhof bevorzuge. Die Rüttenscheider Hausbrauerei im Girardethaus. Trillionen Yoga-Schulen. Einen Rockabilly-Laden und einen dazu passenden Friseur. Und ein Wollgeschäft gibt es auch.

Zwei Kinos sind in Rüttenscheid ansässig. Das Filmstudio im Glückaufhaus, eines der ältesten Kinos NRWs, und die Galerie Cinema, in der seit 37 Jahren jeden Sonntag „Harold und Maude“ gezeigt wird.

Sportlich betätigen ist auch kein Problem. Im Helmholtz-Gymnasium wird die zukünftige Sport-Elite herangezogen, im benachbarten Schwimmzentrum kann man sich selber sportlich betätigen – und ständig vom trainierenden Nachwuchs auf der Nebenbahn überholt werden.

Messe und Park

Ebenfalls in Rüttenscheid sind die Messe Essen und der Grugapark. In dem kann man joggen oder spazieren gehen und auch an vielen Veranstaltungen teilnehmen. Die Messebesucher führen teilweise dazu, dass die Parkplätze in Rüttenscheid knapp werden. Womit wir wieder fast am Anfang wären.

Der Vogel ist echt, die Blumen auf einem Poster

Gruga leuchtet

Esszimmer-Fenster-Kino

Von unserem Esszimmer haben wir einen hervorragenden Blick auf eine große Kreuzung und mehrere Bus- und Straßenbahnhaltestellen. Sollte ich wegziehen, werde ich besonders diesen Ausblick vermissen und das tägliche Kino, was vor unserem Fenster abläuft. Neben dem Flaschen sammelnden Flodder-Mann sehe ich nämlich fast täglich viele bekannte Gesichter. Theo Lingen (tatsächlich wie aus dem Gesicht geschnitten) hält sich oft im Backshop von Edeka auf. Jürgen von Manger kommt – stets mit Kappe – mit dem Bus von der Arbeit. Manchmal steht ein Mann in goldener Hose an genau dieser Haltestelle, der Mann meint, es wäre Coluche, ich glaube, es könnte Urban Priols Bruder sein.

Erfolg durch Rotlicht-Verbot

Der Mann sagt übrigens, dass der Erfolg von Rüttenscheid auf der Politik des Essener Nachkriegs-Bürgermeisters beruht. Der wollte keine Prostituierten in der Innenstadt, weshalb sich die Kneipen in den Randbezirken ansiedeln mussten.

Dieser Blogpost entstand auf Anregung von Anne Schüßler, die es gerne Herrn Buddenbohm  ähnlich tun wollte, der über St. Georg schrieb und andere Menschen einlud, ihr Hamburger Stadtteil vorzustellen. Sie sammelt aber das Ruhrgebiet.

Der Rest vom Ruhrgebiets

 

3 Comments

  1. Ich finde Rüttenscheid einfach toll. Ich mag es auf der Rü spazieren zu gehen und anschließend bei miamamia ein leckeres Stückchen Kuchen zu futtern. Beim Parkleuchten in der Gruga war ich auch und es hat mir sehr sehr gut gefallen.

    Falls du Lust hast, auf meinem Blog läuft momentan ein Gewinnspiel für das MyFair Event am Baldeneysee…vielleicht möchtest du ja mitmachen.

    viele liebe Grüße
    Rebecca

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