Im Himmel unter der Erde

Der Film „Im Himmel unter der Erde“ ist ein Portrait des jüdischen Friedhofs Weißensee in Berlin. Die Regisseurin Britta Wauer:  „Die Idee war, einige wenige Schicksale herauszugreifen und die Protagonisten, die auf persönliche Weise mit den Verstorbenen verbunden sind, erzählen zu lassen.“ Dadurch ist es Wauer gelungen, anhand einiger Protagonisten ein überaus lebediges Bild des Friedhofs, aber auch der Berliner Geschichte zu zeichnen. Zu ein wenig Trauer und ganz viel Lachen gesellt sich das Staunen: Darüber, dass der Friedhof auch Wohnort ist, darüber, dass er ein eigenes Bestattungs“unternehmen“ ist, darüber, dass restaurierte Grabstätten sich schon mal als kitschige Farbenpracht entpuppen können. 

Der Friedhof Weißensee wurde 1880 angelegt und ist der größte noch aktive jüdische Friedhof Europas. Auf 42 Hektar befinden sich rund 115.000 Grabstellen – größtenteils behütet von Laubbäumen. Eine Besonderheit des Friedhofs ist es, dass er auch während des Naziregimes nicht geschlossen war, sondern einigen Juden Zuflucht und jüdischen Kindern Platz zum Spielen boten. Angeblich glaubten die Nazis, dass auf dem Friedhof ein Golum zu Hause war. Wahrscheinlicher ist aber die Begründung, dass sie während der zwölf Jahre ihres Regimes, von denen immerhin sechs Krieg herrschte, keine Zeit fanden, den Friedhof einzuebnen.

Unter den vielen Grabstätten bekannter Persönlichkeiten finden sich auch die der Eltern von Kurt Tucholsky. Der schrieb 1925 das Gedicht „Weißensee“:

Da, wo Chamottefabriken stehn
– Motorgebrumm –
da kannst du einen Friedhof sehn,
mit Mauern drum.

Jedweder hat hier seine Welt:
ein Feld.
Und so ein Feld heißt irgendwie:
O oder I …
Sie kamen hierher aus den Betten,
aus Kellern, Wagen und Toiletten,
und manche aus der Charité
nach Weißensee,
nach Weißensee.

Wird einer frisch dort eingepflanzt
nach frommem Brauch,
dann kommen viele angetanzt –
das muß man auch.
Harmonium singt Adagio
– Feld O –
das Auto wartet – Taxe drei –
– Feld Ei –
Ein Geistlicher kann seins nicht lesen.
Und was er für ein Herz gewesen,
hört stolz im Sarge der Bankier
in Weißensee,
in Weißensee.

Da, wo ich oft gewesen bin,
zwecks Trauerei,
da kommst du hin, da komm ich hin,
wenns mal vorbei.
Du liebst. Du reist. Du freust dich, du –
Feld U –
Es wartet in absentia
Feld A.
Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P – in Weißensee –
in Weißensee.

 Tucholsky selbst wurde allerdings – entgegen seiner Vorhersage – 1935 in Schweden beigesetzt.

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