Pulled Pork oder Die späte Rache des Schweins

Der Besuch von Michael und Ulf stand an. Das freut den Mann auch deshalb, weil es dann Männeressen gibt. (Bei „Männeressen“ höre ich in meinem Inneren immer dieses Hoho-Grunzen von Tim Taylor aus „Hör mal, wer da hämmert„. Aber das nur am Rande.) Gulasch geht nicht, das von Ulf ist grandios. Chili wäre ok, ist aber bei uns eher ein Alltags-Standard. Der Mann hatte die Idee: Dieses Pulled Pork, was gerade so hipp ist. Tatsächlich, ein richtiges Männeressen. (Hoho)

Am Vortag massiere ich der für das Pulled Pork auserkorenen Schweineschulter sanft die Gewürzmischung „Pull that Piggy“ in die nicht vorhandenen Poren und packe sie in den Kühlschrank. Dank der Kitchen Aid sind Kohl, Möhren und Apfel für den Coleslaw auch schnell geraspelt und er zieht ebenfalls im Kühlschrank. Der Vorteig für das Ciabatta wird angesetzt (Ciabatta ist nicht sehr klassisch, aber das Rezept hat mich einfach überzeugt), das Eis habe ich bereits vor einigen Tagen gemacht. Ein bisschen mehr Arbeit macht die Barbecue-Soße von Herrn Oliver, für die viele Zutaten vorbereitet werden müssen. Die des Vorkosters wird dagegen eher kalt angerührt und ist schnell fertig.

Was ein entspannter Abend. Einen kurzen Aufreger gibt es nur, als ich feststelle, dass der Mann „Astra Rotlicht“ gekauft hat und wir beide nicht wissen, was das denn eigentlich ist. Der Mann trinkt heldenhaft ein lauwarmes Testbier, während er zeitgleich die Astra-Homepage bemüht. Entwarnung, außer Bier nichts in der Flasche, dafür ein paar Umdrehungen mehr.

In Ermangelung eines Balkons (und somit eines Grills) wird das Pulled Pork im Backofen zubereitet. Kein Problem, Rezepte gibt es dafür genug. Ungefähr eine Stunde pro Kilo Fleisch lese ich, dann eine Stunde ruhen. Länger ruhen ist kein Problem. Der Besuch kommt um sieben, dann Vorspeise, ich peile acht Uhr an. Das Fleisch um ein Uhr in den Ofen zu schieben scheint mir eigentlich etwas zu früh, aber ich baue immer gerne Sicherheitspuffer ein. Also wandert es – mit einem digitalen Fleischthermometer versehen – in die 120 Grad warme Backröhre. 88 Grad Kerntemperatur ist das Ziel.

Gegen vier teile ich dem Mann mit, dass das ja so überaus entspannt wäre, so ein Pulled Pork-Abend. Ich überlege sogar, alle kommenden Besuche mit Pulled Pork zu verköstigen.

Um viertel vor sechs steht die Temperatur bei 64 Grad. Könnte knapp werden. Und ist das Fleisch nicht eigentlich sowieso schon viel länger im Ofen, als es angeblich braucht?

Um halb sieben stehen wir – bei 64 Grad. Ich google „Kerntemperatur unverändert“ und erfahre etwas von einer „Plateauphase“. Die Stunden dauern kann. Und einer weiteren bei 80 Grad. Ich bin nicht mehr entspannt.

Viertel vor sieben. 64 Grad. Der Mann fragt, ob der Ofen vielleicht aus ist. Ich reagiere etwas gereizt, schliesslich war ich vor einer Viertelstunde am Backofen und er war nicht aus. Ich gehe trotzdem mal nachsehen. Der Ofen ist aus.

Sieben Uhr. Die Gäste kommen. Wir trinken erst einmal Gin Tonic, zur Feier des Tages wird der Edinburgh Gin angebrochen. Als Vorspeise soll es gefüllte Pilze geben, die benötigen aber einen 200 Grad heißen Backofen. Der ist vom Schwein belegt. Ich plädiere für zwei Backöfen, falls wir uns jemals eine neue Küche anschaffen.

Viertel nach sieben. Ich schiebe die Pilze in den Tischgrill.

Viertel vor acht. Die Vorspeise ist serviert, das Bier auch. Kerntemperatur 66 Grad. Wir haben die Plateauphase überwunden. Pilze und Salat schmecken, besonders der vom Mann geriebene Parmesan wird gelobt.

Halb neun. Kerntemperatur 66 Grad. Ich serviere Brot, Butter, Coleslaw und allerlei Eingelegtes. Und noch mehr Bier.

Halb zehn. Kerntemperatur 74 Grad. Auch ohne Fleisch haben wir Spaß. Trotzdem wäre ein Hauptgang nett. Ich erhöhe – entgegen aller Internethinweise und auf Wunsch der Gäste – auf 200 Grad.

Kurz nach zehn. Das Thermometer teilt mit einer weiblichen Computerstimme „Es ist gleich fertig“ mit. Selten wurde eine Thermometer-Ansage so bejubelt.

Halb elf. „Es ist fertig.“ Noch mehr Jubel. Ich entreisse das Schwein dem Ofen, ignoriere Ruhephase und überhaupt alles, was im Internet steht und fange an, es zu zerzupfen. Zeitgleich kocht die Soße ein und die bereits vorgekochten Kartoffeln schmoren noch mal im Ofen.

Viertel vor elf. Die Kartoffeln sind nicht durch. Allerdings schmeckt das Fleisch sehr gut. Mit der Soße von Herrn Oliver wirklich grandios.

1,6 Kilo Schweineschulter, 9,5 Stunden im Backofen (davon eine Stunde bei 200 Grad). Keine Ahnung, woran es lag. Vielleicht heizt der Backofen nicht richtig, vielleicht braucht Biofleisch länger, weil weniger Wasser drin ist? Gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Ich probiere das noch mal aus – ohne Besuch und ab morgens acht Uhr.

3 Comments

  1. Gestern habe ich von Tommy Jaud “ Überman“ gelesen, allerdings nur ein bißchen, sonst ist es nicht zu ertragen ……
    Das hätte gut als Zwischenlektüre zur Überbrückung der Pausen herhalten können, wenn auch dort die Schwierigkeiten beim Koch und seinem Unverständnis des ganz normalen Küchenlateins lagen und nicht an den Tücken des Kochvorgangs !!!
    Ich glaube, ich hätte Baldrian Dispert oder Ähnliches zur Beibehaltung des Normalzustandes gebraucht .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.