Suppenkelle, Baujahr unbekannt, Hersteller unbekannt

Gute Dinge werden zu Familienmitgliedern und sie werden vererbt. Omas Art Deco Schmuck zum Beispiel. Oder Großvaters Patek-Philippe, die ihm schon laut Hersteller „nie ganz allein“ gehört hat. Aber was bleibt übrig, wenn der Großvater nicht Gehirnchirurg war – oder wenigstens Metzger? Nicht viel in meinem Fall.

Von meinem Großvater stammt ein schwarzes Notizbuch mit penibel eingetragenen Vermerken über den Erwerb von Karnickelfutter. Unsere Familie stammt aus dem Ruhrgebiet und da hatte man keine Tiefkühltruhe – man hatte einen Stall. Das Büchlein hat jedoch nur nostalgisch unterhaltenden Wert – zum Beispiel wenn Opa beschreibt, wie mein wenige Tage alter Onkel beim Wickeln vom Küchentisch fällt und es ihm gar nichts ausmacht. Man war hart im Nehmen im Ruhrgebiet der vierziger Jahre.

Von meiner Großmutter mütterlicherseits sind mir zwei Dinge geblieben: Die Erinnerung an eine übergroße Flasche „Tosca“ („Mit Tosca kam die Zärtlichkeit!“), der wir als Kinder durch Betätigung eines stoffverbrämten Gummibalges den Duft von 10000 und einer Nacht entlockten, bis Omas Nachbar mit heiseren „Gas GAS!“-Rufen sein Ypern-PTSD aufzuarbeiten begann. Und eine Suppenkelle. Fast schwarz, mittelgroß, ohne Markenstempel aber mit dem stolzen Hinweis „Edelstahl ROSTFREI“, Baujahr unbekannt. Die Urmutter der Suppenkellen und in meiner Küche stets in vorderster Reihe hängend. Meine Mutter wollte sie nicht mehr. Vielleicht, weil sie nicht shiny und glossy ist, wie ihre leichtgewichtigen Kollegen aus aktueller Produktion. Vielleicht, weil sie einfach so unspektakulär ihre Arbeit tut. Suppen schöpfen, Currys oder Saucen schaufeln.

Den Narben der Jahrzehnte entnimmt man, dass Omas Kelle zwischendurch auch dem Einschlagen von Nägeln diente. Oder der physischen Durchsetzung preussischer Erziehungsideale. Egal. Für mich ist sie tägliches Werkzeug. Und ihre jüngeren Kollegen von Rösle hängen arbeitslos an ihrem Gitter, wenn „Omas Schwarze“ gerade griffbereit ist.

Ob ich gerne eine Patek Philippe geerbt hätte? Irgendwie schon. Aber die läge im Schrank rum und würde kaum benutzt. Omas Kelle macht ihren Job täglich wie eh und je. Und sie erinnert mich daran, dass es Zeiten gab, in denen es nur gute Dinge zu kaufen gab. Zeiten, in denen meine Großeltern sich ganz schön quergelegt haben, um unsere Eltern großzukriegen. Ich werde die Schwarze für meine Kinder aufbewahren. Natürlich nur für die Suppe. Wo ist eigentlich mein Hammer hin? Ich muss mal in die Küche.

One Comment

  1. Man müßte eine Suppenkelle sein – dann sähe man/frau auch nach Jahrzehnten noch gut aus und würde bedingungslos geliebt ……..
    Wann beginnt eigentlich das Pensionsalter für ( noch funktionierende ) Küchenutensilien ? Ich glaube, ich möchte doch keine Supenkelle sein – bis zum endgültigen Zusammenbruch immer bei der Arbeit !!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.