Trekking, Hiking oder doch nur wandern?

Wie es bei unseren Urlauben so üblich ist, weiss hinterher niemand mehr, wer die Idee hatte. Anstatt 500 Kilometer am Tag in einem alten Auto über schottische Straße zu tuckern, wollen wir uns zu Fuß fortbewegen. Das Berchtesgadener Land ruft.

Um das Panorama ausreichend und ohne wunde Füße genießen zu können, muss Ausrüstung her. Woher dieser Drang plötzlich kommt, wo wir doch die schottischen Highlands auch in Turnschuhen und Barbour-Jacken bezwungen haben, ist mir ein Rätsel.

Die Arbeitskollegin hat zwei Funktionshosen abzugeben, wir Kleiderkreiseln im Privaten. Über die Bekleidung meines Oberkörpers mache ich mir zunächst wenig Gedanken. Bis ich feststelle, dass es da Schichten gibt. Bekleidungsschichten. Und harte und weiche Schalen. Windhemden. Nicht zu vergessen Fleece.

Baumwolle sei böse, lese ich. Hält Feuchtigkeit und überhaupt. Der Mann flüstert mir ein, dass ich eine Regenjacke bräuchte. (Im August in Bayern?) Der Mann empfiehlt Gore-Tex. Der Mann hat nämlich mal mit jemandem gesprochen, der ihm gesagt hat, dass es keinen Ersatz für Gore-Tex gibt. Und das Gore-Tex schon im Einkauf teuer ist. Vermutlich war das der Marketing-Chef von Gore-Tex.

Ich google Gore-Tex-Jacken und bekomme Schnappatmung. Ist bestimmt gar kein Regen im August in Bayern. Würde mir zumindest viel Geld sparen.

Aber Schuhe, die brauche ich. Welche, die meinen Knöchel stützen, schließlich knicke ich gerne um (oder lasse Töpfe auf meinen Innenknöchel fallen, aber das ist eine andere Geschichte). Gore-Tex, skandiert der Mann. Schließlich wolle ich keine nassen Füße, weder von Regen noch von Schweiß. (Warum schon wieder Regen?)

Ich suche Schuhe. Das Problem ist nur: Ich weiss nicht, wofür. „Alpin“ scheidet aus, aber was ist das eigentlich, was wir da machen werden? „Wandern“ scheint mittlerweile der Begriff für eine mehrtägige Tour zu sein, oft auch durch Geröll. Trekking, Hiking, Trailrunning, Zustieg … ich steig aus.

Schließlich entscheide ich mich für einen „leichtgewichtigen Tec Hiking“ mit „Runner Sohle, Torsion Reinforcement und […] Base Fit Schnürung“. „Liquid Rubber Verstärkungen“ gehen einher mit Gore-Tex. Wehe, ich bekomme nasse Füße. Allerdings habe ich bei der Schuh-Recherche auch gelesen, dass ich dafür keine Baumwollsocken tragen darf. Weil die Blasen machen. Also Wandersocken. Die hören dann zum Beispiel auf den neckischen Namen „Walkie“.

Proviant und Wasser müssen auch mit, mein Schweizer Armeerucksack ist dafür etwas überdimensioniert. Daypack, Toplader, Belüftungsnetz oder Luftkanal – die Möglichkeiten sind scheinbar unendlich.

Demnächst fahren wir nach Köln in die Filiale eines großen Outdoorausrüsters. Danach werde ich vermutlich sehr verwirrt sein, sehr viel Geld ausgegeben haben und zur Abkühlung eine Nacht im filialeigenen Kältekanal schlafen wollen. Zumindest ist mir jetzt klar, warum diese ganzen Menschen in Tatzenjacken durch europäische Großstädte irren. Die müssen das Zeug auftragen, weil es so teuer ist.

6 Gedanken zu „Trekking, Hiking oder doch nur wandern?

  1. Jaelle Katz

    Der letzte Satz trifft es wohl. Ich frage mich schon seit einiger Zeit, warum die Nürnberger und Erlanger, also die Stadtmenschen, so schwer bewaffnet auf dem Sonntagsausflug unterwegs sind. Als die Kinder noch Lackschuhe und weiße Kniestrümpfe trugen, waren die Wege in der Natur nicht anders, als heute. Doch jetzt geht es, so scheint es, ums Überleben. Jedenfalls der Ausrüstung nach.
    viele Grüße
    Jaelle Katz

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  2. Hansbahnhof

    Sehr amüsant, wenn ich das als direkt Betroffener so sagen darf. Mich macht das auch wahnsinnig. Vielleicht brauchen wir einen Personal Hiking Equipment Coach? Ich schreibe mal ein Mail an diesen Tenzing Norgay oder wie hieß der noch?

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  3. Nessy

    Berchtesgadener Land, sehr schön.

    Ich bin ja erfahrene Wanderin, möchte ich behaupten. Was wirklich prima ist, sind gute Schuhe. Wenn die was kosten, macht nix. Ich habe meine jetzt 11 Jahre, wahrscheinlich halten sie nochmal 11.

    Blasen an den Füßen sind der absolute Killer. Dicke Wandersocken sind deshalb in der Tat hilfreich. Es reichen aber 1-2 Paar, man kann die abends fix mit Shampoo durchwaschen. Oder auslüften, wenn man kein fieser Fußschwitzer ist. Aldi und Tchibo haben oft welche, es brauchen keine handgewebten für 25 Euro sein.

    Die restliche Bekleidung wird meines Erachtens überbewertet. Ich trage auch Baumwolle. Ihr fahrt ja nicht in den Himmalaya, gell. Schichten empfehlen sich tatsächlich. Eine hilfreiche Anschaffung ist eine Weste, am besten etwas winddicht. Die trage ich wirklich oft. Man schwitzt halt, es geht vielleicht Wind, aber in einer Jacke staut sich die Wärme immens.

    Soll ich mal einen Beitrag im Serviceblog zum Thema „Wanderkleidung und Proviant“ schreiben? Bevor Du Dich in Köln in die Armut kaufst?

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    1. Sandra Beitragsautor

      Liebe Frau Nessy,

      bitte beugen Sie der Armut durch Funktionskleidung vor und klären Sie mich und andere Laienwanderer auf! Das wäre tatsächlich hilfreich, Outdoor-Ausrüster setzen anscheinend ein halbes Leben Wandererfahrung voraus. Vielleicht sind Neuwanderer nicht erwünscht. Der Mann hat entzückt vernommen, dass Sie Wandererfahren sind und wird vermutlich bei nächster Gelegenheit versuchen, Sie zu einer gemeinsamen Tour über den GR20 zu überreden. Was ein Spaß 😉

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  4. Pingback: Woanders – diesmal mit einer Mutter, den Elblotsen, dem Wandern und anderem | Herzdamengeschichten

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